Euro Truck Simulator 2 - LKohWeh #2
Ich will ehrlich sein: Der letzte Rückschlag ließ mich an meinem Entschluss, der beste Trucker aller Zeiten zu werden, zweifeln. Doch dann erinnerte ich mich an meinen ersten Titelgewinn und wie ich den Gürtel schon einen Tag später an "Das dreifache H" verlor. Auch an diesem Tag hatte ich alles hinschmeißen wollen. Aber ich tat es nicht. Ich ignorierte mein zerstörtes Inneres und gab weiterhin alles. Das wollte ich auch diesmal tun.

Ja, ich hatte durch meine Fahrt in die Schweiz nichts gewonnen. Nicht einmal Erfahrung(spunkte). Andererseits konnte es wohl nicht mehr schlimmer konnen. Nur eines wusste ich: Ich wollte aus der Schweiz raus. Selbstverständlich schloss ich eine Rückkehr zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus, doch gerade fühlte ich mich hier einfach nicht wohl. Ich wollte zurück in bekannte Regionen und freute mich, als ich von dieser Gabelstapler-Lieferung erfuhr.

Zurück nach Straßburg? Gerne. Eine bekannte Strecke, ein bekanntes Ziel.

Ohne lange nachzudenken, bestieg ich mein neues Auftragsfahrzeug und kontrollierte meine Fracht.



Ich fuhr los. Schnell sollte angemerkt werden, dass ich für das Chaos, das am Startort herrschte, diesmal wirklich NICHT verantwortlich war.

Nach wenigen Kilometern auf schweizer Straßen setzte der Regen ein.

Ich genoss das Sauwetter.

An der französischen Grenze hörte der Regen jedoch bereits wieder auf.

Als ich die Straßenschilder mit der Aufschrift Straßburg passierte, musste ich über die vergangenen Fahrten denken.

Grinsend erinnerte ich mich an die Fahrt durch diese verdammte, enge Toreinfahrt.

Wo hatte ich diese noch einmal bekämpf?

Ach ja! In Straßburg!

Fast hätte ich eine Vollbremsung hingelegt. Straßburg.

Ich warf einen Blick auf das Navi und geriet in Panik. Wie hatte ich das nur vergessen können?

Ich musste erneut durch die Toreinfahrt. Diese bescheuerte Toreinfahrt. Bei der Aurftragsannahme hatte ich lediglich an die Flucht aus der Schweiz gedacht und ganz vergessen, was ich in Straßburg durchgemacht hatte.

Als ich vor der Toreinfahrt stand, veränderte sich jedoch plötzlich irgendetwas in mir. Ich weiß nicht, ob es der Furz war, der gerade meinem Darm entwich, oder ein plötzlicher Anflug Selbstvertrauen. Vielleicht war es auch beides. Wie auch immer: Meine Angst war wie weggeblasen. Ich hatte auf einmal keine Angst mehr vor der Toreinfahrt. Es war wie bei einem "Hell in a cell"-Match. Geht man auf den Käfig zu, hat man Angst und Respekt vor der Kontruktion. Aber sobald man die Tür hinter sich zugezogen hat, vergisst man die Gefahr, die von ihm ausgeht. Der Käfig wird zum Tag-Team-Partner. Man benutzt ihn, um den Gegner zu besiegen. Ich hatte keine Angst mehr vor dem Tor. Ich wollte es benutzen, um meinen Auftrag abzuschließen.

Ich gab Vollgas, ...

... passierte das Tor ohne Probleme...

... und lieferte meine Fracht ab.

Ende.

Man kann alles schaffen, wenn man nur an sich glaubt. Man wächst an seinen Herausforderungen. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt... und so weiter. Ich gab ein paar mit motivierenden Sprüchen bedruckte T-Shirts bei einer T-Shirt-Druckerei in Auftrag und beschloss, sie weder abzuholen noch zu bezahlen.
Stattdessen verließ ich so schnell wie möglich das Land.

Druckbehälter nach Luxemburg? Klar! Warum nicht!

Als ich meinen Truck bestieg, staunte ich nicht schlecht. Meine erste Nachtfahrt!

Ich schaltete die Beleuchtung ein und riss mir die Kleider vom Leib, um aus der Nachtfahrt auch noch eine Nacktfahrt zu machen.



So betrat ich die Straße, erblickte beim Verlassen des Parkplatzes das Tor, durch das ich zuvor hatte fahren müssen, erschrak und wäre beinahe gegen eine Laterne gefahren.

Ich verließ Straßburg mit dem Entschluss, es lange Zeit nicht mehr zu betreten.

Der Weg nach Luxemburg war traumhaft. Der Mond stand hoch am klaren Himmel und ich genoss die Atmosphäre. Die Straße war angenehm ruhig.



Irgendwann erkannte ich Lichter am Horizont. Als ich mich ihnen näherte, stand ich auf einmal meiner ersten Mautstation gegenüber.



Ein bisschen Angst hatte ich schon. Schließlich war ich gerade nackt. Als ich der Schranke genau gegenüber stand und in das Wachhäuschen sah...


... war zum Glück niemand anwesend.

Ich tat, was man an Mautstationen eben so tut, und fuhr davon.

Einige Kilometer später erreichte ich eine zweite Mautstation. Wieder überlegte ich, mir wenigstens eine Hose über den Kopf zu ziehen, um von meinem immensen Geschlechtsteil abzulenken, doch dann gab ich mich meinen überlegenen Körperproportionen hin. Man muss zu sich und seinem Körper stehen. Das sagten schon andere Menschen, die ihren Mitmenschen überlegen waren.



Zum Glück gab es erneut keine Probleme.

So erreichte ich Luxemburg.

Das Firmengelände war schnell gefunden, das Einparken schnell erledigt und so freute ich mich mal wieder über die Abrechnung. Selbstverständlich hatte ich vor dem Empfang des Schecks meine Kleidung wieder angelegt. Man will ja seriös rüberkommen.




4.500 Euro. Jetzt nur nicht aufhören. Mein Gehirn teilte mir mit, dass ihm nur noch wenige Erfahrungspunkte fehlten, um eine neue Stufe zu erreichen. Ich konnte es nicht warten lassen. Sofort begab ich mich auf die Suche nach einem neuen Auftrag.

Von Luxemburg nach Brüssel? Belgien kannte ich auch noch nicht. Ich kannte verhältnismäßig wenige Orte der Welt. Warum also nicht?

Truck, Ladung, Licht. Mittlerweile war all das zur Routine geworden.



Als ich das Firmengelände verließ, fuhr mir ein Trucker über den Weg, der sechs PKWs mit sich führte.

Eine solche Ladung hatte ich bisher noch nicht transpörtieren dürfen. Schade eigentlich. Ich hoffte, irgendwann auch einmal einen Haufen PKWs befördern zu können. Klar, meine aktuelle Ladung war auch nicht zu verachten, aber irgendwie hatte ich genug von Baumaschinen. Mit diesen Gedanken verließ ich Luxemburg.

Der Weg nach Belgien verlief wieder angenehm ruhig. Langsam wurde es Tag.

Ich spielte am Radio herum, bis ich einen angemessenen Radiosender gefunden hatte.

So gab ich mich den Sehenswürdigkeiten der Strecke hin.

Ich bewunderte merkwürdige Strommasten.

Und farbenfrohe Felder voller Sonnenblumen.

So erreichte ich Brüssel gefühlt innerhalb weniger Minuten.

Die letzte Kurve vor dem Ziel wollte ich besonders schwungvoll nehmen...

... und hatte dabei ganz offensichtlich alles vergessen, was meine Wrestlingerfahrung mich gelehrt hatte. Man kennt das: Man will die Fans beeindrucken, springt mit einer Extraportion Schwung auf das oberste Ringseil, unterschätzt die Federung des Seils, wird in die Luft geschleudert und landet unsanft kopfüber auf dem Ringboden und im Gelächter der Zuschauer. So ähnlich ging es mir nun auch. Ich blieb an der Absperrung hängen.

Ich kam nur Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Beinahe wäre mein Anhänger umgekippt. Einmal streifte ich kurz ein Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn.

Aber mit viel Geduld und Spucke konnte ich mich dann doch ohne nennenswerte Schäden aus der Absperrungsumklammerung lösen. Nur mein Ego war ein wenig angekratzt, was ich der Spedition, die bereits auf mich und vor allem meine Fracht wartete, selbstverständlich verschwieg. Für meinen Auftraggeber war ich pünktlich.


Ich kassierte die fast 4.000 Euro mit einem Grinsen im Gesicht.

Ebenfalls grinsend nahm ich den Erfahrungspunkt entgegen, den ich für das Erreichen des nächsten Levels erhielt.

Ich hatte auf meiner Reise bisher kein einziges Mal die Gelegenheit, etwas Explosives zu transportieren und war deswegen ziemlich enttäuscht. Es fühlte sich ein wenig wie ein Pay-Per-View an, der lediglich aus Pillow-Fights bestand. Doch auf der anderen Seite hatte ich viel Geld durch die Annahme von Aufträgen mit hochwertiger Fracht eingenommen. So beschloss ich, mich erst einmal weiter auf diese Richtung zu konzentrieren.
Ich sollte an dieser Stelle ehrlich sein: Ich war wieder kurz davor, mich selbst zu überschätzen. Ich hielt mich für den König der Straße. Wie damals nach meinem Sieg im "King of the ring"-Turnier war ich kurz davor, überheblich zu werden. Aber so viel sei gesagt: Die nächsten Fahrten zeigten mir, dass ich noch lange nicht so gut war, wie ich dachte.
Zunächst war ich auf der Suche nach Abwechslung. Ich wollte auf jeden Fall ein anderes Land besuchen. Als ich dann von einer Reise nach Großbritannien hörte, musste ich nicht lange nachdenken. Den Eurotunnel mit 21 Tonnen Fleisch zu durchfahren, klang viel zu gut, um es abzulehnen.


Ich bestieg den Leihtruck, der mitten auf einer Farm platziert war.




Vor der Fahrt erhielt ich plötzlich eine E-Mail meiner Bank.

Man hatte mitbekommen, dass ich gut war. Was das in meinem Ego anrichtete, sollte klar sein. Ein Kreditrahmen von 500.000 Euro. Unbeschreiblich.
Trotz meiner Begeisterung versuchte ich, mich erst einmal auf meine eigentliche Mission zu konzentrieren. ich verließ die Farm, nicht ohne mich über die Baufirma zu ärgern, die einen Hindernisparcour für mich und meine Fleischlieferung aufgebaut hatte.



Ich war kurz davor, dem Bauunternehmen einen Dicken Haufen auf die Sitze der Baufahrzeuge zu setzen, doch dann wurde ich vom Anblick einiger Sonnenblumen beruhigt. Sonnenblumen haben eine beruhigende Wirkung auf mich. übrigens.

Der Weg zum Eurotunnel verlief ohne Probleme. Ich hatte auf einigen Landstraßen sogar die Gelegenheit, andere Trucks zu überholen. Der Nervenkitzel, hinter der nächsten Ecke plötzlich einem anderen Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn gegenüberzustehen, war toll und erinnerte mich an das "First Blood"-Match, das ich einmal gegen den Unternehmer überstehen musste.



Ich betrat wieder einmal Frankreich...



... und erreichte endlich den Eurotunnel.



Ich war ziemlich aufgeregt.

Und damit offensichtlich nicht der Einzige. Schließlich ignorierte ein PKW-Fahrer ganz dreist den Wendekreis meines Anhängers und ließ sich von diesem streifen. Was für ein dreister Typ.

Aber ich ließ mich nicht beirren. Ich fuhr zum von mir reservierten Zugteil, parkte meinen Truck und löste das Ticket nach England.





In Folkestone angekommen, bestieg ich mein Fahrzeug und ließ den Eurotunnel hinter mir. Was für ein spannender Augenblick. Ich war noch immer ganz nervös und aufgebracht.






So vergaß ich dann auch den in England herrschenden Linksverkehr.

Zum Glück wurde ICH nicht verletzt. An das Linksfahren musste ich mich aber erst einmal gewöhnen.


Auch der englische Kreisverkehr entzog sich jedweder Logik.

Ich habe Kreisel, so nenne ich die Dinger, aber grundsätzlich nie verstanden. Ich fahre einfach immer mit Vollgas in sie hinein und verlasse sie genauso schnell, wie ich sie betreten habe. Dass ich dabei ein großes Gefährt unter meinem wohlgeformten und muskulösen Hintern habe, ist hier selbstverständlich von Vorteil.
Letztendlich erreichte ich mein Ziel ohne Probleme. Ich parkte und atmete einmal tief durch.



Ich war also in England und hatte 21 Tonnen Fleisch dabei. Da ich mich von Fleisch nur sehr schwer trennen kann, freute es mich sehr, auf diesen Auftrag zu stoßen.

Fleischtransport? Ich bin dabei!

Als ich meinen Truck bestieg, bekam ich einen Panikanfall. Nachdem ich mich erholt und mir den Schaum vom Mund gewischt hatte, rief ich mir in Erinnerung, dass ich hier in England war. Hier herrschte, wie ich zuvor bereits feststellen durfte, Linksverkeht. Darum befand sich das Lenkrad meines offensichtlich aus England stammenden Fahrzeugs auf der rechten Seite.


Ich weinte ein bisschen, zog dann aber mein seriöses und professionell wirkendes Wrestlinghöschen an und fuhr los.


Auf dem Weg nach Southampton begann es zu regnen.


Ich schaltete den Scheibenwischer ein...

... und legte mitten auf der Autobahn eine Vollbremsung hin, weil man das im Notfall machen sollte. Hatte ich mal in einem Fachmagazin über tödliche Unfälle gelesen.

Was war geschehen? Ganz einfach: Ich hatte die Ausfahrt nach London verpasst. Ich gab dem Regen und dem Linksverkehr die Schuld, weil ich sie nicht haben wollte. Da ich absolut keine Lust darauf hatte, bis zur nächsten Ausfahrt zu fahren und so meine Reise inmitten dieses komplizierten Straßensystems fortzusetzen, wendete ich einfach und verwandelte die Autobahnauffahrt in eine Autobahnausfahrt.


Da ich niemanden stören oder gar erschrecken wollte, fuhr ich beim ersten Anzeichen von Gegenverkehr ins Grüne und machte Platz. Ich bin eben ein zuvorkommender Trucker.


Zumindest war ich das bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich mir eine Leitplanke in den Weg stellte. Hier war Ausweichen leider nicht mehr möglich. So verwandelte ich den weiteren Fahrtverlauf in ein "Battle Royal"-Match und eliminierte meine Gegner über das oberste Ringseil.






Ich gewann das Match und betrat ausgeruht und entspannt die richtige Straßenseite.


Ich will nicht lügen: Der Hauptverantwortliche war selbstverständlich ich. Aber ich will lügen: Das war alles nicht meine Schuld. Ich fuhr weiter.

England ist übrigens voller Tunnel. Behaupte ich an dieser Stelle einfach mal.



Southampton! Mein Ziel!


Während des Einparkens versteckte ich meine Kameraperspektive hinter Gebäum, weil ich beim Einparken schon längst nichts mehr sehen musste.

Seht ihr?

Beim Abkassieren lief natürlich nicht alles gut.

Wenn man jedoch bedenkt, dass ich da gerade eine Vollbremsung auf der Autobahn hingelegt hatte und eine Auffahrt entgegen der Fahrtrichtung entlanggefahren war, kann man sich über einen 3%igen Sachschaden nicht wirklich beklagen. Ich nahm die 3.000 Euro und verschwand.
Um wieder einmal ehrlich zu sein: Ich hatte genug von Großbritannien. Linksfahren lag mir nicht. Mein Autobahnabenteuer hatte mir gezeigt, dass ich verschwinden sollte. Vermutlich würde ich später noch einmal zurückkehren. Ich wollte schon gerne alle Städte des Landes besuchen. Aber gerade war ich durch. Ich wollte nur noch einen kleinen Abstecher nach London machen. London sollte man schließlich einmal gesehen haben. Wenn man schon in der Nähe ist. Ach, ich weiß ja auch nicht. Ich schnappte mir acht Tonnen Sägespäne und fuhr nach London.



Das mit den Baumstämmen war ich natürlich nicht. Was in Sägewerken für ein Chaos herrscht, halte ich für einen Skandal.


Um es kurz zu machen (ja, das kann ich auch): Ich erreichte London, ohne auf nennenswerte Probleme zu stoßen. Ich glaube, ich fuhr lediglich 33 mal auf der falschen Straßenseite und war somit auf dem Weg der Besserung.



Abends erreichte ich London.


Die Skyline im Blick fuhr ich auf das Gelände meines Autraggebers und überbrachte die Ladung.




Wie es zu dem Gehaltsabzug von 1% kam, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Aber ich habe eine Vermutung, die etwas mit falschen Fahrbahnen und Gegenverkehr zu tun hat. Man kann sich ja nicht alles merken.
Was ich dagegen weiß: Level 4!

Den Fähigkeitenpunkt investierte ich wieder einmal ich hochwertige Fracht. Ich wollte mich weiter spezialisieren. Da ich zum Beispiel Spritkosten nicht selbst tragen musste und immer einen neuen, gut gefüllten Truck erhielt, waren mir Dinge wie eine sparsame Farweise vollkommen egal.
Nicht egal war mir mein Plan, England zu verlassen. Als ich die Auftragsliste durchsah, blieb ich an einem Auftrag hängen.

Der Umstand, einen Raupenbagger zu transportieren, ließ mich noch nicht fröhlich kreischen. Aus England rauszukommen war schon einmal ganz gut. Aber da war noch etwas. Amsterdam. Der Name der Stadt löste etwas in mir aus. Ich erinnerte mich an die E-Mail, die ich während meinen ersten Fahrversuchen aus Amsterdam erhalten hatte. Der Truck-Verkäufer. Ein neuer Truck. Die Erfüllung eines Traums.
Ich ignorierte alle anderen Angebote und verzichtete sogar darauf, 18 Tonnen Tomaten durch England zu fahren, auch wenn mich die Vorstellung reizte. Ich plante die Strecke, stieg in den Truck, kontrollierte die Ladung und fuhr los.




Das Dachfenster möchte ich an dieser Stelle doch noch kurz lobend erwähnen.

Oder die Leuchtpfeile, die auf der Autobahn errichtet wurden, und mich daran erinnerten, wo Amsterdam lag. Netter Service.

Abseits der Vorstellung, einen LKW-Händler aufzusuchen, war ich aber auch wegen einer anderen Sache aufgeregt: Ich musste mit der Fähre fahren. Ich nahm diesmal nicht den Eurotunnel, sondern den Weg üBER das Meer. Wieder einmal wurde ich auf meiner Reise mit etwas Neuem konfrontiert. Man kann dem Truckerleben auf keinen Fall vorwerfen, eintönig zu sein.

Leider war ich etwas ZU aufgeregt und Fuhr mit fast 90 km/h auf eine Autobahnabfahrt. Die hohe Geschwindigkeit sorgte dafür, dass ich in die Leitplanke knallte und mein Fahrzeug eine geschätzte Ewigkeit nur noch auf den links angebrachten Rädern stand. Ein Unfall mit Umkippen hätte meinen Englandaufenthalt definitiv perfekt abgerundet, dennoch war ich froh, dem Schlimmsten entkommen zu sein. Ich stellte mich ein paar Sekunden lang ins Grüne abseits der Fahrbahn und beruhigte mich ein wenig.

Dann setzte ich meine Fahrt fort.


Während es um mich herum dunkel wurde, kam ich in Harwich an.

Ich durchfuhr den letzten englischen Kreisel dieser Reise.

Dann erreichte ich endlich den Hafen.



Kurz vor meinem Ziel stieß ich wieder einmal auf einen Truckerkollegen. Dieser hatte Baumstämme bei sich.

Wieder regte sich der Wunsch nach einem Autotausch in mir, da mein Vordermann aber kurz bevor ich mein Oberteil ausziehen und die Muskeln spielen lassen konnte bereits in die Richtung abgebogen war, in die ich nicht musste, ließ ich es bleiben.
Stattdessen folgte ich den Schildern in Richtung Fähre, parkte mein Fahrzeug im Wartebereich und löste mein Ticket.





Die Fahrt dauerte acht Stunden. Als ich wieder einen Truck und dieser festen Boden unter den Füßen beziehungsweise Rädern hatte, wurde es bereits hell.


Ich verließ den Hafen, beobachtete Schiffe und genoss die niederländische Aussicht.


Selbstverständlich nicht, ohne die Niederländer von meiner Fahrzeugüberlegenheit bezogen auf Wendekreise zu überzeugen.

Man muss eben gleich zeigen, was Sache ist.

Ich hatte wirklich Probleme damit, meinen Truck über die Straßen zu lenken. Das hatte nichts mit den Straßen zu tun, sondern mit dem noch immer an der falschen Seite liegenden Lenkrad. Hier und da lebte ich meine Aggressionen an dumm guckenden Straßenschildern aus.

Erinnert ihr euch noch, was ich über England und seine Tunnel gesagt hatte? Das Gleiche traf auch auf die Niederlande zu.


Häuser gab es hier selbstverständlich auch.

Aber ich interessierte mich nur noch für die Beendigung meiner Aufgabe. Das Firmengelände war schnell gefunden.

Die Lenkprobleme wurde ich auch kurz vor dem Ziel nicht los. Sie blieben an mir hängen wie ich an diesem Zaun.

Aber am Ende ging alles gut aus.

Ich erhielt meine Abrechnung.

5% Schaden. Wieder einmal hatte ich Glück gehabt. Mich hätte wirklich interessiert, was mich ein Umfallen gekostet hätte. Aber ich hoffte gleichzeitig, dies niemals zu erfahren.
Es gab da draußen sowieso nur noch eine Sache, die ich wirklich erfahren wollte. Den Gruch eines neuen LKWs. Bisher hatte ich immer nur in Gebrauchtfahrzeugen gesessen. Frische begegnete man hier nur selten. Immer wieder hing der Geruch der vorherigen Fahrer noch in den Sitzen fest und lieferte sich einen Kampf gegen meinen eingeölten Luxuskörper. Davon hatte ich genug. Ich wollte wenigstens ein Mal von Frische umgeben sein.
Bevor ich dem Händler einen Besuch abstattete, warf ich einen kleinen Blick auf meine Statistiken.


Ich hatte Level 5 zur Hälfte erreicht und über 2.500 Kilometer zurückgelegt. Und vor allem war ich zufrieden. Bisher war keine meiner zwölf Fahrten langweilig gewesen. Immer gab es etwas zu sehen oder Hindernisse, die überwunden werden mussten. Ich hatte nicht erwartet, von Anfgang an mit so viel Spaß beworfen zu werden. Das Truckerleben war wundervoll.
Nun hatte ich aber genug von alldem. Ich wusste, was zu tun war.

Mich begrüßte ein Mitarbeiter, der zwar zunächst überrascht war, einen so muskulösen, eingeölten und (bis auf ein kleines Höschen und Lederstiefel) nackten Mann vor sich zu sehen, als ich ihm aber mitteilte, das ich Wrestler und all das somit in Ordnung sei, beruhigte er sich und war sehr freundlich zu mir.

Er führte mich einmal durch den ganzen Saal. Ich kam aus dem Sabbern nicht mehr heraus, was die im Laden angestellte Putzkraft sehr freute, da sie sich endlich nicht mehr so unnütz vorkam, wie sie eigentlich war.








Unter den gezeigten Fahrzeugen gab es nur ein einziges, das ich aufgrund meiner Erfahrungsstufe hätte fahren können. Dieses wollte ich mir näher ansehen.

Der Mitarbeiter zeigte mir an seinem Computer, welche Verbesserungen man an dem Truck vornehmen konnte. Ich durfte mich, meiner Erfahrungsstufe entsprechend, austoben.

Am Ende erschuf ich diesen Traum eines jeden Truckerwrestlers.


Der Truck war ein Meisterwerk. Ein wahres Meisterwerk. Preislich lag er bei etwa 122.000 Euro. Ich hatte gerade einmal knapp 32.000 Euro zur Verfügung.

Als ich mir dies ins Gedächtnis rief, wurde ich traurig. Der Mitarbeiter merkte sofort, in was für einer Lage ich steckte und rief schnell den hauseigenen Clown herbei, um mich zu unterhalten. Ich schlug zwar wie wild auf ihn ein, wirklich besser fühlte ich mich dadurch aber nicht.
Dieser Truck war das Schönste, was mir seit langer Zeit begegnet war. Ich wollte ihn haben. Ich musste ihn haben. Es war wie damals im Ring, als ich die zwei Haupttitel meines damaligen Arbeitgebers vereinte und zu einem einzigen, prachtvollen Gürtel verschmelzen ließ. Dieses wundervolle Etwas in meinem Besitz zu haben, war toll. Dieses Gefühl wollte ich wieder haben. Aber ich konnte es mir einfach nicht leisten.
Eine Träne verließ mein Auge, kullerte mir die Wange hinunter, tropfte auf meinen angespannten Bizeps und verdampfte. Ich erkannte das Zeichen. Ich wusste, was zu tun war. Ich verließ das Geschäft und betrat das nächstgelegene Bankgebäude.


100.000 Euro wanderten auf mein Konto.

Ich wanderte zurück in das Verkaufsgeschäft.

Wieder baute ich mir meinen Traumtruck zusammen.

Diesmal jedoch kaufte ich ihn sogar.


Vor Freude verlor ich das Bewusstsein. Ich weiß nicht, was als nächstes geschah. Als ich wieder zu mir kam, war ich zurück in Frankfurt und stand vor meiner Garage. Anscheinend hatte man mich nach meiner Ohnmacht nach Hause gebracht.



Nein. Ich stand gar nicht vor meiner Garage. Ich saß.

Ich wusste sofort, wo ich war. Ich saß in meinem Truck. In MEINEM Truck. Meinem ersten, eigenen Truck. Ich inhalierte den frischen Ledergeruch und ließ ihn ein Teil von mir werden. Ich bestrich das Lenkrad mit einer hauchdünnen Schicht meiner Lieblingsbodylotion. Ich schaute in den Rückspiegel und formte mit meinen Bauchmuskeln ein Grinsen auf meinen Bauch. Der Bauchnabel stellte hierbei die Nase dar.
Ja, ich war glücklich.

Als die Sonne in mein Fenster schien, lehnte ich mich zurück und genoss die Wärme.

Ich hatte es geschafft.

Aber gleichzeitig wusste ich: Meine Truckerkarriere hatte gerade erst begonnen. Ich würde meine Firma zu der besten Truckerfirma der Welt entwickeln. Ich würde der Beste werden. Der Allerbeste.
Und meine Konkurrenz?
Die würde ich vernichten.
